Im Reisebus von Freiburg nach Shanghai – auf der Seidenstraße um die halbe Welt
17Jul/10Off

Heidi Bisang: Peking – Basel per Transsib

Liebe Bus- und Flugheimreisende Shanghainesen und – falls es noch welche gibt –
liebe BlogleserInnen,

unsere Bahnreise von Shanghai nach Peking hat mit einer Überraschung begonnen: Anstatt gegen Mittag sind wir bereits um 7 Uhr in der Frühe in Beijing angekommen. Ein superschneller, todschicker Zug neuester Bauart (à la TGV oder Shingkansen) hat uns innert 9 Stunden (statt 13 1/2) in die Hauptstadt „gebeamt“. Weil wir zu fünft zwei Viererabteile gebucht (und auch bezahlt hatten) konnten wir Che einladen mit uns im Schlafwagen zu fahren (er hätte sonst die Reise im Regelzug sitzenderweise überstehen müssen). Es war wie auf der Schulreise, das Gelächter war groß, bis wir – mit tatkräftiger Mithilfe von Che – unser Gepäck in der engen Kabine untergebracht hatten. Che haben wir vor dem Einschlafen dann Ohropax verpasst, auf dass er neben unserem Schnarch-Terzett auch zu ein paar Stündlein Schlaf kommen konnte.

Unsere Zimmer im Novotel waren schon bezugsbereit, also schnell unter die Dusche und ans sehr opulente Frühstücksbuffet. Schon kurz nach 10 Uhr haben wir uns auf die Socken gemacht, Beijing zu erkunden. Auf dem Trommelturm wurden wir für den mühsamen, steilen Treppenaufstieg mit einer Trommelvorführung belohnt. Fünf junge Männer haben auf den großen bis riesigen Trommeln unglaublich gut gespielt, ein Highlight schon in den ersten paar Stunden. Gegen Abend haben wir uns dann wieder mit Che getroffen und er hat uns in ein gutes Restaurant in einem Hutong (altes Wohnquartier) geführt. Ganz in der Nähe wohnte Dominique in einem entzückenden Hutong-Hotel. Dort haben wir sie zu einem „Schlummerbecher“ getroffen und unsere Pläne für die nächsten beiden Tage zu schmieden, die wir vier Omas zusammen mit Che verbringen wollten. Die Verbotene Stadt, den Tienanmen Platz, den Sommerpalast, den Himmelstempel und-und-und - alles haben wir uns angesehen. Es war zwar immer noch ziemlich feuchtheiß, aber wir konnten doch die Sonne sehen durch den Dunst. Beijing ist ganz anders als Shanghai: viel gemächlicher, behäbiger, eine Beamtenstadt halt. Das quirlige, nervöse Leben fehlt hier gänzlich. Dafür halten sich sogar die Taxifahrer an die Verkehrsregeln!! Wir wollten mal ein Taxi anhalten, keines hielt, da merkten wir, wir stehen an einer Straße mit Halteverbot, mussten dann etwa 10 Minuten bis zur nächsten größeren Kreuzung ohne Halteverbot gehen um mitgenommen zu werden! In Shanghai undenkbar. Um spätestens 23 Uhr fährt hier die letzte U-Bahn, dann werden die „Trottoirs hochgeklappt“, Peking geht dann schlafen.

Und wieder hieß es Abschied nehmen, diesmal von Dominique, Gabriele und Che. Auf uns vier (die de Baans, Waltrun und mich) wartete die

Transsibirische Eisenbahn

Pünktlich um 5.30 Uhr in der Frühe holte uns ein Fahrer ab, um uns zum Bahnhof zu bringen. Ausgeladen hat er uns samt unserem Gepäck allerdings auf der „falschen Straßenseite“, d.h. wir mussten unsere ganze Bagage über eine ellenlange Straßenüberführung (etwa 6 Spuren) wuchten, deren Rolltreppen nicht gingen („sorry out of order!!)“. Ich hätte heulen können. Der Zug hat uns dann allerdings sehr positiv überrascht. Zwei nebeneinander liegende Zweier Abteile mit gemeinsamer Dusche. Viel Plüsch und Spitzen, Vorhänge an den Fenstern. Wir wähnten uns im „Orient Express“ zu Agatha Christies Zeiten. Dass die Dusche nicht geht, haben wir dann erst viel später gemerkt.

Gegen 20.30 Uhr haben wir Erlian, den Grenzort zur Mongolei, erreicht. Lt. Schaffner hält der Zug hier zwei Stunden. Die Pässe sind abgegeben, also nichts wie los ins Bahnhofslädeli, um einkaufen zu gehen (Wasser und eine Flasche Wein als Schlummertrunk). Wie wir wieder rauskommen ist der Zug weg! Er wurde aus dem Bahnhof gezogen, um die Fahrgestelle auf die neue Spurbreite zu wechseln. So saßen wir dann – zusammen mit vielen anderen Reisenden – statt beim Schlummertrunk auf einem angeschraubten Stuhl am Bahnsteig (zum Glück so breit wie ein Platz) und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Pünktlich um 23 Uhr kam der Zug wieder angerollt, es konnte weitergehen zum Mongolischen Zoll ein paar Kilometer entfernt. Wieder Pass abgeben und warten, warten, warten. Die Toiletten waren alle geschlossen (weil „altes Direktsystem“) und wir hätten dringen gemusst. Waltrun konnte nicht mehr warten und hat unsere Dusche als Hüsli benutzt -  und da haben wir’s gemerkt: Die Dusche geht gar nicht! „Gespült“ hat sie dann halt mit dem Zahnbecher!!! Um 02.15 Uhr endlich Abfahrt gen Ulan Bator. Erwacht bin ich mitten in der Gobi, wunderschöner Sonnenaufgang (endlich mal wieder trockene Hitze). Um 9 Uhr haben wir uns aufgemacht gen Speisewagen und nicht schlecht gestaunt: Der schöne 30er Jahre-Wagen wurde in Erlian offensichtlich ausgetauscht gegen einen oberkitschigen „Nostalgie“-Wagen. Goldene Vorhänge, „handgeschnitzte“ Bänke mit Löwenköpfen aus Kupfer und Messing. Balalaika und Pfeil und Bogen an den Wänden. Eine Bar mit (leicht antikem) Ghettoblaster. Eine absolute Bombe. Das Frühstück aber gut: Spiegeleier mit Tomaten und Zwiebeln, Brot (endlich, nach fünf Wochen ohne!!), Butter und Gelée, Kaffee (sogar trinkbar) und Orangensaft. Das alles für knappe 10 Franken/7 Euro.

Ulan Bator ist keine schöne Stadt. Ein par Hochhäuser, viele Plattenbauten, Straßen mit Löchern so groß wie Badewannen. Im Hotel bekommen wir dafür Suiten! Die Dusche geht auch da nicht so richtig, entweder verbrühen oder kalt duschen heißt die Wahl.

Die Fahrt nach Karakorum am nächsten Tag war lang und eigentlich für die Katz. Es gibt nur einen Metallbogen mit Inschrift „Karakorum“ zu sehen, der über die Straße gespannt ist. Die Landschaft auf dem Weg dorthin ist allerdings sehr schön und das Jurtencamp wirklich hübsch: Etwa 20 Jurten, jede mit drei Bettlein, einem Tischlein und drei Stühllein, eingerichtet. Ich kam mir vor wie Schneewittchen bei den Zwergen. Alle Möbel mit typisch mongolischen Mustern bemalt.

Der Zug nach Russland (Irkuzk) entpuppte sich als Bummler, ohne Speisewagen. Wir hatten aber keinen Rappen mongolisches Geld mehr (und noch keine Rubel), um uns irgendwas an einem Bahnhof zu kaufen. Von 6 Uhr früh bis 14 Uhr standen wir am mongolischen Grenzübergang. Die Zollformalitäten waren in einer halben Stunde erledigt, wir mussten auf einen anderen Zug warten und dann fing das Rangieren an: Vom Gegenzug wurde Wagen um Wagen einzeln an unseren Zug angehängt. Die Toiletten im Zug waren geschlossen, wir bezahlten der Bahnhof-Toilettenfrau einen US-Dollar, damit wir zu dritt brünzeln gehen durften und uns endlich die Hände waschen konnten und die Zähne putzen (gekostet hätte es etwa 10 Rappen für alle). Bei einem fliegenden Geldhändler habe ich dann (viel zu teuer) zehn Euro gewechselt. Damit haben wir uns dann im nahen Märktlein Wasser, Wurst, Brot, Käse und Tomaten gekauft, unser Mittag- und Nachtessen samt Frühstück kurz vor Ankunft in Irkuzk am nächsten Morgen.

In Irkuzk wurden wir von Ludmilla, unserer Führerin, abgeholt, mit einem 15 plätzigen Bus samt Chauffeur, endlich genug Platz für unser Gepäck samt Velos. Nach Chinesisch und Mongolisch (Mongolisch ist noch unverständlicher als Chinesisch, die Mongolen haben „Knacklaute“ in ihrer Sprache, es tönt als ob alle Leute einen Sprachfehler hätten) kommt uns Russisch direkt „verständlich“ vor. Eine Stadtrundfahrt und einen Rundgang (jetzt sind wieder die Kirchen und Klöster dran) später sind wir dann Richtung Listvianka an den Baikalsee gefahren. Der See ist eine absolute Wucht. Glasklares Wasser (noch keine 10 Grad warm!!!) darum Wälder, Wälder, Wälder und ein paar wenige Dörflein. Russland/Sibirien pur. Strahlendes Wetter, aber im Schatten kühl – endlich brauchen wir wieder ein Jäggli.

Am nächsten Morgen sind wir dann mit einem Tragflügelboot in ein Dorf (Koty) etwa 20 km hinter Listvianka gefahren. Etwa 100 Bauern leben noch dort und der Rest sind Sommerfrischler, die in ihren Datschen oder Gästehäusern ein paar Tage Ferien machen. Das Dörfli sieht aus, wie sich der „kleine Moritz“ eine russische Siedlung vorstellt: Holzhäuslein mit geschnitzten Fensterrahmen, keine geteerten Wege, Kühe, Pferde, Hühner und Hähne, alles läuft frei herum. Eine Luft wie Champagner. Den am Dorfrand gelegenen Dorffriedhof haben wir uns auch angeschaut und dabei viel über die Beerdigungsbräuche in Russland erfahren.

Die Ausstellung, die wir uns im Limnologischen Institut angesehen haben, ist sehr informativ und gut gemacht, echt spannend, was der See so alles hergibt (ein Superlativ am anderen, unglaublich). Auch in Koty mussten wir natürlich das lokale Museümlein besichtigen. Die Leiterin ist Biologin und forscht am und im See. Als Nebenverdienst muss sie das Museum betreuen.So schlecht bezahlt sind die Wissenschaftler  dort offenbar.

Nach einem „freien“ Tag in Irkuzk stiegen wir um 23 Uhr in den Zug nach Moskau. Die zwei Zweier-Abteile wurden unsere Behausung für die nächsten drei Tage bzw. vier Nächte. Zeit zum Lesen und viel schlafen und noch mehr schauen. Nichts als Ebenen bis zum Horizont, mal Wälder (gesunde und tote), mal Sümpfe, mal Wiesen und selten mal ein armseliges Dorf. Waltrun genießt diese Einöde, Verena freut sich an jedem Blümlein und mich deprimiert diese Landschaft nur. Dahin kann man wirklich nur verbannt werden. Kaum ist der Ural passiert (übrigens völlig unspektakulär) spürt man: Wir sind in Europa. Die Dörfer werden bunter, die Zwiebeltürme sind vergoldet, das Leben hat uns wieder. Noch ein paar Stunden und wir sind endlich in

Moskau

Wieder hatten wir Glück: Obwohl wir schon kurz nach halb 6 Uhr morgens im Hotel angekommen sind, waren unsere Zimmer bezugsbereit. Die Zimmer sind schön und sauber, die Dusche funktioniert, das Frühstück ist opulent, Moskau, wir kommen! Schon um 9.30 Uhr hat uns Heidi, eine Freundin meiner Schwester, abgeholt samt Auto und Chauffeur. Sie hat uns ein wunderbares Moskau-Programm zusammengestellt und so können wir alle wichtigen Sehenswürdigkeiten in der kurzen Zeit (nur 2 1/2 Tage) besuchen. Zudem begleitet uns Nelli, eine kunstbegeisterte Reiseführerin, in den Kreml, auf den Roten Platz, in das Jungfrauenkloster samt dem nahe gelegenen Prominenten-Friedhof und in die Tretjakov-Galerie. Mit Heidi bestaunen wir die schönen Metrostationen, wir essen in gemütlichen Beizlein, die wir alleine nie gefunden hätten - kurz wir genießen jede Minute. Moskau ist eine Reise wert!

Und wieder trennen sich die Wege. Die de Baans fahren weiter nach Petersburg und wir zwei verbringen die Nacht im Schlafwagen Richtung

Warschau

Ein Taxi bringt uns ins Hotel, nachdem wir endlich den richtigen Ausgang im Bahnhof gefunden haben. Das Glück bleibt uns treu, mein Zimmer (Raucher) ist bereit. Wir können uns frisch machen und Waltrun kann ihr Gepäck bei mir deponieren. Um 10 Uhr starten wir zu einer Stadtrundfahrt inkl. einem Stadtrundgang. Eine nette, sehr kompetente Studentin führt uns zu allen wichtigen Plätzen in der Stadt. Endlich können wir wieder alles lesen. Hurra, die analphabetische Zeit ist vorbei! Alles sieht aus „wie bei uns“ oder jedenfalls so wie in einer nord- oder ostdeutschen Stadt. Die Altstadt ist sehr schön rekonstruiert. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass nach dem Krieg 95 Prozent in Schutt und Asche lagen.

Fazit

Nicht nur die „lange“ Hinreise im Bus nach Shanghai, auch die langsame Heimreise via Transsib hat sich gelohnt. Der Kulturschock und der Jetlag fallen weg. Bei einer zweiten Transsib-Reise würde ich einen Tag in der Mongolei kürzen und dafür (mindestens) einen Tag länger in Moskau bleiben. Auch auf der Heimreise haben wir viele schöne Begegnungen mit den Menschen der jeweiligen Orte genießen dürfen oder uns in den Zügen mit „Einheimischen“ oder auch anderen Touristen unterhalten können. Allerdings: So bequem wie in unserem feuerroten Doli-Baby sind wir nie gesessen. Das „Verdauen“ der ganzen Reise dauert wohl auch etwas länger.

Adieu

Meinen schon wieder zu Hause eingelebten Reisebegleiterinnen und -begleitern sage ich Tschüss und auf Wiedersehen und den Busrückfahrern wünsche ich gute Weiterreise (ich habe gesehen, dass ihr euren Rückstand auf die „Marschtabelle“ schon fast aufgeholt habt, ihr Tausendsassas), ich hole Euch ab in Pratteln, versprochen!

Herzlichst

Heidi Bisang

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veröffentlicht unter: Reiseblog Kommentare
Kommentare (3) Trackbacks (0)
  1. Oh ja, es gibt sie noch, die BlogleserInnen. Ich schaue auch noch jeden Tag nach dem Bus! Vielen Dank, dass wir an euren Eindrücken teilhaben dürfen!
    Grüße
    Irene Heitz

  2. Und ob es noch Blogleserinnen gibt: Vielen Dank an alle Blogger – es hat mir viel Spaß gedmacht immer wieder neue Berichte von euch zu lesen.

    Liebe Grüsse

    Rita Maußhardt

  3. So wie es aussieht, sind alle wohlbehalten wieder zu Hause angelangt.

    Die gesamt Reise habe ich am Monitor mitverfogt und bin, zugegebenermassen mit leichtem Neid, am Monitor mitgereist. Es war schön alle die Eindrücke mitzuerleben und freue mich auf mehr.

    Liebe Grüße

    Lothar Stehle


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